Lebensgemeischaften für Menschen mit und ohne geistige Behinderung in Trier

Konzept (vom 17.03.2014)

Der Verein SMiLE - Selbstständig Miteinander Leben – ist als Initiative von Eltern entstanden, die von der Idee überzeugt sind, dass ihre Töchter und Söhne – Menschen mit geistiger Behinderung und mit einem ganzheitlichen Förderbedarf – ihr Leben inklusiv leben können, wenn dafür die entsprechenden Rahmenbedingungen und Unterstützungssysteme geschaffen werden. Hierzu gehört auch, den erwachsenen Kindern ein eigenständiges Wohnen und die Ablösung vom Elternhaus zu ermöglichen.

Leitbild

Wir treten für die Würde eines jeden Menschen ein!

Ein Mensch mit Behinderung hat wie jede andere Person einen einzigartigen und unantastbaren Wert und besitzt die gleiche Würde und die gleichen Rechte wie alle anderen Menschen (Grundgesetz, Artikel 1-3). Er hat ein Recht darauf, als gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft wahrgenommen und ernst genommen zu werden. Das gilt für alle Lebensbereiche.

Wir sehen uns der Inklusion verpflichtet!

Auf der Grundlage der UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen fordern wir: Nicht (mehr) der behinderte Mensch muss sich anpassen, damit er in der Gesellschaft dabei sein kann, sondern die Gesellschaft muss sich mit ihren Strukturen anpassen. Eine inklusive Gesellschaft bezieht behinderte Menschen mit ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten von Anfang an ein und grenzt gar nicht erst aus. Die Individualität und Vielfalt der Menschen wird anerkannt und wertgeschätzt.

Wir glauben an die unverwechselbaren Gaben jedes Menschen!

Mit dem Gründer der internationalen Archebewegung, dem französischen Theologen und Philosophen Jean Vanier (* 1928), glauben wir, dass „Menschen mit einer geistigen Behinderung ihre unverwechselbare Gabe für den Aufbau einer menschenwürdigen Welt haben“! Diese Vision wird getragen von einem christlichen Menschenbild.

Wir setzen uns für eigenständiges und selbstbestimmtes Leben ein!

Die Konvention fordert im Artikel 19, dass Menschen mit Behinderung das Recht haben, ihren Wohn- und Aufenthaltsort selbst zu bestimmen. Dies ist noch keine Selbstverständlichkeit. Oft können sie nicht bestimmen, wo, wie und mit wem sie leben. „Wohnen, wo ich will“ heißt gleichzeitig auch „Leben, wie ich will“. (Malu Dreyer, „Soziales Rheinland-Pfalz“).

Wir unterstützen jeden einzelnen in seinen Fähigkeiten und seinen Möglichkeiten!

Wie jeder Mensch, braucht ein Mensch mit einem ganzheitlichen Förderbedarf eine Umgebung, in der er sich entfalten, seine Fähigkeiten und Gaben entwickeln und sich selbst als Person verwirklichen kann. Selbstständig miteinander Leben bedeutet für den Einzelnen, auf der Grundlage der eigenen Fähigkeiten und  Möglichkeiten, unterstützt durch die begleitende Hilfe anderer, ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu führen. Die italienische Pädagogin Maria Montessori (1870-1952) formuliert dies als pädagogische Leitlinie, die wir teilen: „Hilf mir, es selbst zu tun“.

Wir suchen ein gesellschaftliches Umfeld, in dem Menschen mit einem ganzheitlichen Förderbedarf zu Hause sein können!

Die Förderung der gesellschaftlichen Teilhabe der Bewohner der Wohngemeinschaft braucht eine Anbindung und Vernetzung im Stadtteil. Zugleich ermöglicht dies eine Förderung des Ehrenamtes, denn die Kompetenzen und Erfahrungen der Bürger sind gefragt. Die Bewohner sollen Angebote finden, an denen sie teilnehmen und mitwirken können und bei denen sie sich ihrerseits für Andere in ihrem Umfeld einsetzen. So entsteht dort ein gegenseitiges Geben und Nehmen. 

Die Bewohner[1] und ihre Gemeinschaft

Um unsere Überzeugungen umzusetzen, wollen wir eine familienorientierte Wohnform verwirklichen, die auf einer guten Beziehung zwischen den dauerhaften Bewohnern mit Unterstützungsbedarf, den Mitbewohnern, den Assistenten und Eltern aufbaut und gemeinsames Handeln ermöglicht.

In der Hausgemeinschaft leben erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung als dauerhafte Bewohner mit anderen Mitbewohnern - z.B. Freiwilligen, Studenten oder Praktikanten - zusammen, die für einen bestimmten Zeitraum mit in die Gemeinschaft einziehen, ihre Zeit und Kompetenz der Gemeinschaft zur Verfügung stellen und ihr Leben mit ihr teilen. Für jeden Bewohner steht ein eigenes Zimmer zur Verfügung, das er nach seinen Wünschen einrichten kann. Als eigenständige Mieter gestalten die Bewohner gemeinschaftlich ihre Lebens- und Haushaltsführung und wirken aktiv bei der Gestaltung der Tagesstrukturen mit.

Maßgeblich sind die persönlichen Bedürfnisse, Fähigkeiten, Vorlieben und Ressourcen eines jeden Einzelnen.

Sofern  Menschen mit mehrfachen Behinderungen in der Wohngemeinschaft leben, steht deren geistige Behinderung im Mittelpunkt. Die Bewohner sollen in der Lage sein, eine Arbeit auszuüben (WfbM, Integrationsbetrieb usw.) oder eine Tagesförderstätte zu besuchen. In Abhängigkeit von ihrem Förderbedarfs erhalten die Bewohner persönliche Assistenz.

Der Verein SMiLe e.V. organisiert die Gesamtversorgung und die Abstimmung der Unterstützungsleistungen.

Die Mitbewohner

Angesprochen sind Menschen ab 18 Jahre, die ein Freiwilliges Soziales Jahr, ein Praktikum oder den Bundesfreiwilligendienst in der WG absolvieren möchten oder Studenten, die sich in dieses soziale Umfeld einbringen wollen. Auch Menschen, die einem Beruf außerhalb der Gemeinschaft nachgehen, können sich dafür entscheiden, für einen bestimmten Zeitraum der Gemeinschaft anzugehören.

Mitbewohner brauchen keine spezielle Qualifikation. Bedingung ist jedoch die Offenheit, sich auf Menschen mit ganzheitlichem Förderbedarf einzulassen und die Bereitschaft, aktiv am Leben der bestehenden Wohngemeinschaft mitzuwirken und so Inklusion zu leben.

In engem Zusammenleben mit den Bewohnern gestalten sie den Alltag mit, tragen zur familiären und häuslichen Atmosphäre bei und setzen sich für eine hohe Lebensqualität in der Wohngemeinschaft ein. In dieser Gemeinschaft soll inklusives Zusammenleben verwirklicht werden. Bei allen - nicht nur bei den Menschen mit geistiger Behinderung – werden dadurch Lernprozesse in Gang gesetzt, soziale Kompetenzen gefördert und die Persönlichkeit weiter entwickelt.

Sofern die Bewohner Assistenzdienste leisten, werden diese dem jeweiligen Umfang entsprechend vergütet.

Über die Aufnahme neuer Mitbewohner entscheidet der Vorstand von SMiLe in Absprache mit den Bewohnern und dem Assistententeam.

Die Assistenten

Die Assistenz wird von hauptamtlichen und nebenamtlichen Assistenten geleistet.

Bei den hauptamtlichen Assistenten wird eine abgeschlossene Berufsausbildung in den Bereichen Erziehung, Pädagogik, Heilerziehung oder Pflege vorausgesetzt. Durch die im Beruf erworbenen Fähigkeiten und die Bereitschaft, sich auf eine Zusammenarbeit mit den Eltern einzulassen, können sie ihre Tätigkeit kompetent ausüben.

Hauptamtliche und nebenamtliche Assistenten - die studentischen Mitbewohner oder Freiwillige im FSJ oder Bundesfreiwilligendienst – haben die vorrangige Aufgabe, die Bewohner bei der Bewältigung ihres Lebensalltags zu unterstützen. Neben der individuellen Begleitung der Bewohner ist ein wichtiges Anliegen, die Gemeinschaft zu fördern und ein „Wir-Gefühl“ zu entwickeln, damit sich jeder mit seinen Stärken, aber auch mit seinen Schwächen angenommen fühlt.

Es werden auch Assistenten eingestellt, die nicht in der Wohngemeinschaft leben. Diese werden von den Bewohnern finanziert.

Die pädagogische Leitung sichert die professionelle Arbeit und die Alltagsabläufe gemeinsam mit den hauptamtlich angestellten und den nebenamtlichen Assistenten. Die Leitung ist das Bindeglied zu den Eltern und dem Träger und setzt das vorliegende Konzept zusammen mit den Bewohnern und Assistenten um.

Die Assistenten bauen in ihrer Arbeit ein Vertrauensverhältnis zu den Eltern auf, das dem Wohl des einzelnen Bewohners und der Weiterentwicklung seiner Selbständigkeit dient. Richtungsweisend ist hierbei das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“, das den Bewohnern so viel Eigenverantwortung wie möglich belässt.

Jeder Bewohner erhält einen Bezugsassistenten, der ihm verstärkt zur Seite steht.

Die Eltern

Die Eltern sind eine wichtige Stütze des Wohnprojektes. Durch ihre Mithilfe tragen sie wesentlich zum Erhalt der Wohngemeinschaft bei. Wenn der Sohn oder die Tochter in der Wohngemeinschaft leben soll, ist dies mit Verpflichtungen für die Eltern verbunden, die über das in anderen Einrichtungen Übliche hinausgehen.

Es ist notwendig und verbindlich, sich als Elterngruppe zusammenzufinden und zu besprechen. Darüber hinaus verpflichten sich die Eltern zur aktiven Hilfe und Mitgestaltung und - wenn erforderlich - auch zur finanziellen Unterstützung der Wohngemeinschaft.

Eltern stehen vor der Aufgabe, ihr Kind „loszulassen“. Dieser Prozess wird unterstützt durch den Aufbau einer Beziehung zu den Assistenten und das Vertrauen in deren fachgerechte Arbeit. 

Die Eltern als Gesetzliche Betreuer der Bewohner können entscheiden, ob und in welchem Umfang sie Untervollmachten an die Assistenten abgeben. Damit ist gewährleistet, dass die Eltern ihre Verantwortung erfüllen können und eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Assistenten gesichert ist.

Die Eltern sind nicht Dienstvorgesetzte der Assistenten. Arbeitgeber ist der Verein SMiLe e.V., vertreten durch den Vorstand.

Die Wohngemeinschaft als Raum für die individuelle Entwicklung

Die Wohngemeinschaft soll jedem Einzelnen ein Leben in Selbstständigkeit, in gemeinschaftlicher Verbundenheit und einem gesellschaftlichen Umfeld ermöglichen, in dem er akzeptiert ist.

Für jeden Bewohner besteht der Wunsch sich weiter zu entwickeln. Zu den Entwicklungszielen gehören:

·         An erster Stelle stehen der Erhalt und die Erweiterung der lebenspraktischen Kompetenzen des einzelnen Bewohners unter Berücksichtigung seiner Individualität und seines Entwicklungstempos.

·         Die Stärkung der eigenen Persönlichkeit, unter anderem durch die Festigung von Kulturtechniken, die Entwicklung von Hobbys und Freizeitaktivitäten sind weitere wichtige Ziele. Es gilt, die Bewohner in ihrer emotionalen Stabilität, dem Wahrnehmen und Ausdrücken der eigenen Gefühle und ihrem sozialen Verhalten zu stärken. Durch eine stabile Beziehung zwischen Assistenten und Bewohnern können Stärken und Schwächen zugelassen und  eine verlässliche Vertrauensbasis entwickelt werden.

·         Die Förderung von sozialen Außenkontakten ist eine wichtige Stütze im Ablösungsprozess vom Elternhaus und sie ermöglichen eine individuelle Lebensgestaltung. Dazu gehört auch der Erwerb sozialer Werte wie Pünktlichkeit, Toleranz, Empathie, Konfliktfähigkeit, Frustrationstoleranz sowie die Stärkung des Selbstvertrauens.

·         Die Begleitung in Fragen der Sexualität und Partnerschaft ergibt sich aus dem Alter der Bewohner und der Lebensform. Dazu gehört die Offenheit, den Fragen und Bedürfnissen der Bewohner individuell zu begegnen, diese aufzugreifen und externe Angebote im Blick zu halten. Dies geschieht in engem Zusammenwirken mit den gesetzlichen Betreuern. 

·         Die Gesundheitsfürsorge ist eine wichtige Maßnahme für das Wohlbefinden der Bewohner und soll in einem präventiven Sinne gesundheitlichen Schäden und Erkrankungen vorbeugen. Denn nur in einem gesunden Körper kann sich ein wacher Geist entwickeln.

 

Der Träger

Seit seiner Gründung 2007 setzt sich der Trierer Verein „SMiLe e.V. - Selbstständig Miteinander Leben“ - für die Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigungen in allen Lebensphasen und Lebensbereichen ein. Er unterstützt vor allem Bestrebungen und Initiativen zum gemeinschaftlichen Wohnen und zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Er unterstützt engagierte Eltern, die nach Möglichkeiten des Wohnens und Lebens für ihrer Söhne und Töchter suchen. Andere interessierte Menschen sollen ermutigt werden, alternative Wohn- und Lebensformen zusammen mit Menschen mit Beeinträchtigungen zu erproben.

Der aus Eltern und Freunden bzw. engagierten Bürgern bestehende Verein SMiLe e.V. hat die Trägerschaft für das integrative Wohnprojekt Rotbachstraße/Trier-Heiligkreuz übernommen. Die Wohngemeinschaft wird durch die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins unterstützt. Verein und Wohngemeinschaft orientieren sich an den Überzeugungen des Gründers der Arche-Bewegung, Jan Vanier.

Gesetzliche Grundlage für die Wohngemeinschaft ist das Landesgesetz Wohnformen und Teilhabe(LWTG). Maßgeblich für ihre Form sind der § 5 dieses Gesetzes und die daraus folgenden Bestimmungen. Die Darstellung im Einzelnen ist im Handbuch der Wohngemeinschaft ausgeführt, das alle konkreten Maßgaben enthält, die sich aus diesem Konzept und den jeweiligen Zusammenhängen ergeben. Ein Beauftragter des Vorstandes übernimmt die Verantwortung für die Umsetzung dieses Konzeptes und die Gestaltung der Wohngemeinschaft.

Die Finanzierung einer Wohngemeinschaft in der Trägerschaft von SMiLe e.V. wird über Verträge (Miet-, Betreuungs- und Versorgungsvertrag) mit den einzelnen Bewohnern sichergestellt. Bei Gewährung einer Pflegestufe kommt ergänzend ein Pflegevertrag mit einer Sozialstation hinzu. Die Bewohner mit einer Behinderung sichern ihre vertraglichen Leistungen über ihre Löhne aus der WfbM, die Grundsicherung, Pflegeversicherung und Eingliederungshilfe.

Die Gründung von weiteren Wohngruppen im Sinne des Konzeptes wird unterstützt. Voraussetzung für die Gründung weiterer Wohngemeinschaften ist das Engagement von Eltern und deren Mitgliedschaft im Verein SMiLe.

 

Überarbeitet auf dem Abschlussworkshop am 15.02.2014 und verabschiedet vom Vorstand des Vereins am 17.03.2014

 



[1]Die weibliche Form wird bei allen entsprechenden Personengruppen nicht eigens gedruckt, ist aber  immer mitzulesen.